Marcel Cornelius Fotografie

Zurück an den Anfang.

Knapp zwölf Jahre ist es her, dass ich mit der Kamera durch Gießen gezogen bin. Ohne Plan, ohne Auftrag, einfach nur mit offenen Augen. Mülleimer, Geländer, Fassaden, kleine Ecken, an denen man sonst eher vorbeiläuft. Manche würden heute wahrscheinlich schmunzeln, wenn sie diese Bilder sehen. Für mich war das damals kein Konzept, eher ein Anfang ohne Namen.

 

Wenn ich heute darauf schaue, wirkt das weit weg und gleichzeitig sehr nah. Weil dort etwas angefangen hat, das mich bis heute begleitet. Nur hat sich der Fokus verschoben. Aus Dingen wurden Menschen. Aus Spaziergängen wurden Termine. Aus spontanen Momenten wurden geplante Shootings.

Das hat nichts mit Verlust von Interesse zu tun. Eher mit dem ganz normalen Verlauf von Leben. Hauptberuf, Familie, Kinder, Freunde, Projekte. Alles Dinge, die ich nicht gegen die Fotografie aufrechnen würde, die aber Zeit fordern. Und die Kamera bleibt dann eben öfter im Regal, als sie eigentlich sollte.

 

Hinzu kommt etwas ganz Praktisches. Meine Kamera ist kein Gerät, das man mal eben einsteckt, wenn man kurz durch die Stadt läuft. Dafür ist sie zu groß, zu unhandlich, zu sehr Arbeitswerkzeug. Also bleibt sie oft genau dort, wo sie liegt. Und mit ihr die kleinen Momente, die man nicht geplant hätte, aber trotzdem gerne festgehalten hätte.

 

Ich habe das irgendwann richtig gemerkt, als ich angefangen habe, mein zweites Fotobuch durchzublättern. Nicht am Bildschirm, sondern wirklich als Buch. Seite für Seite. Und mir aufgefallen ist, wie lange manche Bilder zurücklagen, ohne dass neue dazugekommen sind. Es war kein schlechtes Gefühl, eher eines, das hängen bleibt. Wie ein leiser Hinweis, dass da etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

 

Also habe ich etwas geändert. Nicht groß, nicht dramatisch, eher pragmatisch. Es musste etwas her, das wieder einfacher Teil des Alltags wird. Eine Kamera, die nicht nach Planung verlangt, sondern nach Mitnahme. Die im Rucksack verschwindet, ohne darüber nachzudenken. Die auch dann dabei ist, wenn eigentlich kein Fotospaziergang geplant war.

 

Seit kurzem ist sie da. Ein neues Werkzeug, wenn man so will. Aber eigentlich geht es nicht um das Gerät selbst. Es geht darum, wieder schneller zwischen Eindruck und Auslösen zu kommen. Weniger Aufbau, weniger Absicht, mehr Reaktion.

 

Ich merke jetzt schon, dass sich dadurch etwas verschiebt. Der Blick wird wieder ungeduldiger im guten Sinn. Mehr Aufmerksamkeit für das, was einfach passiert, ohne dass man es arrangiert. Und auch für das, was unscheinbar wirkt und genau deshalb interessant sein kann.

 

Die Bilder, die hier dazu entstehen, sind bewusst in Schwarzweiß gehalten. Nicht als Stilentscheidung im klassischen Sinn, eher als Reduktion. Weil Farbe manchmal zu viel erzählt, bevor man überhaupt hingeschaut hat. Und weil es mir hier mehr um Form, Licht und Moment geht als um Oberfläche.

 

Vielleicht ist das alles keine große Veränderung. Eher eine Rückkehr zu etwas, das nie ganz weg war, aber eine Zeit lang keinen Platz hatte. Zurück zu einem Arbeiten, das weniger geplant ist und dadurch wieder unmittelbarer wird.

 

Und genau dort beginnt es gerade wieder.

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